12. Dezember 2017

#1 von Admins-Team , 12.12.2017 09:19

12. Dezember




Der verschwundene Teddybär
von Nicole Stoye (Bulgrin)



In einem kleinen Dörfchen namens Kleeblattheide gab es Ende des 18. Jahrhunderts einen Brauch, der sich jedes Jahr am Heiligen Abend wiederholte.
Bei Einbruch der Dunkelheit marschierten alle Großeltern und Eltern mit ihren Kindern und Enkelkindern in Richtung des kleinen Wäldchens unweit der nördlichen Dorfgrenze. Da der Schnee dort um diese Jahreszeit schon besonders hoch lag, ließen sich die Kleineren von ihren Müttern und Vätern auf dem Schlitten ziehen, während die Älteren voller Stolz bunt leuchtende Laternen durch die Dunkelheit trugen. Besinnlich stimmten die Eltern festliche Weihnachtslieder an und den Kindern wurde es warm ums Herz.
Sobald die Wanderer die alte Tanne in der Mitte des Wäldchens erreicht hatten, legten sie ihre Laternen nieder und gedachten mit einem stillen Moment dem Jahrestag der Geburt Jesu Christi. Der Dorfälteste schloss die Schweigerunde und forderte die Kinder auf, dem Christkind ihre Gaben darzubringen.

Mit leuchtenden Augen entnahmen die Älteren kleine Beutelchen aus den Taschen ihrer dicken Mäntel und hängten diese an die Tannenzweige. Die Eltern der kleineren Waldwanderschaft nahmen ihre Kinder auf den Arm und taten es in deren Namen den Größeren gleich.
Als die liebe Sophia ihr Beutelchen an einen der Tannenzweige gehängt hatte, faltete sie ihre Hände und sprach ganz leise: „Bitte, liebes Christkind. Es ist mein größter Wunsch.“
Lachend und singend traten die Wanderer den Heimweg an.
In den Häusern war es warm und es duftete nacht Zimt und Bratäpfeln. Die Kinder bekamen eine heiße Schokolade, welche sie genüsslich vor dem Kamin schlürften, während die Eltern ihnen von der göttlichen Geburt jener Nacht erzählten.
Bevor Sophia und ihre jüngeren Brüder zu Bett gingen, durfte jeder noch eine kleine Süßigkeit vom festlich geschmückten Weihnachtsbaum naschen. Ein letzter Blick aus den Fenstern verriet den Kindern, dass der Schnee in dicken Flocken auf die Erde fiel. Dannpusteten sie ihre Kerzen aus und schliefen ein.
Mitten in der Nacht wurde Sophia von ihrer Neugier gepackt. Leise schlüpfte sie in ihre Pantoffelchen und schlich sich die Treppe hinunter in die große Stube. Die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten noch immer und die glimmenden Holzscheite im Kamin sorgten, wie schon Stunden zuvor, für eine mollige Wärme im Zimmer.

Sophias Augen leuchteten, als sie die schönen Geschenke unter dem Baum erblickte.
Aufgeregt eilte sie zu dem Schaukelpferdchen, das ihr Vater für den kleinsten Bruder geschnitzt und ihre Mutter so kunstvoll bemalt hatte. Sophias Eltern waren die begehrtesten Spielzeugmacher weit und breit. Wer bei ihnen ein Geschenk für die Kleinen in Auftrag geben wollte, musste sich schon viele Monate im Voraus dafür anmelden.
Gerade in den letzten Wochen vor Weihnachten nahmen sie keine Aufträge mehr an, sondern nutzten diese Zeit ausschließlich um die schönsten Spielzeuge für ihre eigenen Kinder anzufertigen.
Das liebevoll gearbeitete Pferdchen war bereits das dritte in ihrem Hause. Lange schon hatten Sophia und der ältere ihrer beiden Jungen ihr eigenes vom Vater und der Mutter bekommen und nun war auch endlich der Jüngste alt genug für ein solches Spielzeug.

Aufgeregt stöberte Sophia unter dem Baum nach anderen Geschenken. Freudig entdeckte sie das schöne Puppenhaus, welches sie sich schon so lange gewünscht hatte. Für den Älteren der beiden Brüder gab es eine liebevoll gearbeitete Holzeisenbahn. Da wird er sich freuen, dachte Sophia schmunzelnd. Doch das Lächeln wich von ihrem Gesicht, als sie voller Enttäuschung feststellen musste, dass ihr größter Wunsch offenbar nicht in Erfüllung gehen würde. Verzweifelt suchte sie unter dem Baum nacht ihrem geliebten Teddybären, den ihr die Großmutter schon vor Jahren gefertigt hatte. Er war genauso, wie Sophia ihn sich immer gewünscht hatte. Seine Knopfaugen schimmerten im Kerzenschein und wenn man genau fühlte, so bemerkte man das winzige hölzerne Herz, welches der Vater unter der Brust des Bären versteckt hatte. 'Für unsere liebe Sophia' hatte die Mutter darauf geschrieben.
Dieser Teddy war Sophias liebstes Spielzeug. Überallhin hatte er sie begleitet und kein wichtiges Ereignis in ihrem Leben verpasst. Sie liebte ihn über alles und auch die Tatsache, dass bereits ein Auge verschwunden war und eines der Beinchen nur noch an einem einzigen Faden baumelte, änderte nichts an ihrer Zuneigung für diesen Teddybären.

Vor genau einer Woche, als sie sich mit ihrer Cousine Franzi zum Schneemann bauen verabredet hatte und Stunden später wieder heimkehrte, war der Teddybär wie vom Erdboden verschluckt. Sophia wusste genau, dass sie ihn in ihr Bettchen gesteckt und liebevoll in die warme Decke gewickelt hatte. Doch als sie nach Hause kam, war er verschwunden. Das ganze Haus hatte sie an diesem und den beiden darauf folgenden Tagen durchsucht, aber er war einfach nicht auffindbar.
Als es hinter Sophia polterte, zuckte sie zusammen. Die beiden Kufen des kleinen Schaukelpferdchens holperten auf und ab, doch das Pferdchen selbst war verschwunden.

Fortsetzung folgt morgen .....


 
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RE: 12. Dezember 2017

#2 von GiselaH , 12.12.2017 19:07

Wow, diese Geschichte kenne ich noch gar nicht und bin daher gespannt, wie es morgen weitergeht .

 
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