RE: Eine Studie zu dem Verhalten von Eisbären in Gefangenschaft

#1 von Ulli J , 13.08.2010 06:53

Den Link

http://scienceblogs.com/thoughtfulanimal...polar_bears.php

hat Marga gefunden. Er stammt aus einem Wissenschaftsblog "Thoughtful Animal". Jason G. Goldman, ein Student, der ein Aufbaustudium der Entwicklungspsychologie an der University of Southern California absolviert, hat den Text verfasst.

Er handelt von einer interessanten Studie aus dem Jahr 2006, die sich mit der Interaktion von in Gefangenschaft lebenden Eisbären in Zoos befasst. Sie ermöglicht zu erkennen, was man bei dem Design einer guten Eisbärenanlage beachten muss.

Kurz zusammen gefasst, zeigt sie auf, dass die Tiere normalerweise einen gewissen Abstand von einander suchen und dass ein gutes Gehege, es ihnen ermöglichen muss, diese Distanz zu wahren. Das heißt, die Anlage muss komplex gestaltet sein und für die Tiere muss es an jedem Punkt der Anlage, die Möglichkeit geben, sich von dem anderen Bären zu distanzieren.

Durchgeführt wurde sie im Philadelphia Zoo mit den beiden Eisbärinnen Klondike und Coldilocks.


Klondike, Foto: princessrica, http://www.flickr.com/photos/princessrica/288461228/[/size]

Klondike wurde am 23. November 1980 im Bronx Zoo in New York geboren und kam am 1. Oktober 1981 nach Philadelphia.



Coldilocks, Foto: fPat, http://www.flickr.com/photos/fpat/3328596127/

Coldilocks wurde am 13. Dezember 1980 im Seneca Park Zoo in Rochester, NY, geboren und kam am 6. Oktober 1981 nach Philadelphia.

Ich habe für die, die sich für mehr Details interessieren, den Text übersetzt.

Social Cognition in Polar Bears

Soziales Erkennen von Eisbären

In den meisten Zoos und Tierparks ziehen Eisbären (Ursus maritimus) einen großen Anteil der Aufmerksamkeit der Zoobesucher auf sich. Man bezeichnet sie als besonders "charismatisch" oder in anderen Worten, es sind "wirklich coole Tiere." Vielleicht liegt es daran, dass es für den durchschnittlichen Zoobesucher sehr unwahrscheinlich ist, jemals in der freien Wildbahn einen Eisbären zu sehen, weil sie in einem so unwirtlichen Lebensraum leben. Vielleicht ist es aber auch nur so, weil Eisbären so verdammt niedlich sind. Vielleicht ist aber auch nur Coca-Cola schuld.


http://www.youtube.com/watch?v=OwZH_aT0F...ayer_embedded#!
(Ein sehr sehenswertes Video!)

Was immer der Grund ist, die Psychologen Michael J. Renner und L. Kelly und Aislinn der West Chester University Pennsylvania schreiben, dass sie aufgrund der großen Beachtung sie als "wichtige Botschafter für den Arten- und Naturschutz" dienen und daher erheblichen Wert in der öffentlichen Bildung haben.

Vielleicht wegen der Knappheit der verfügbaren Ressourcen in der Natur leben Eisbären den Großteil ihres Lebens in Isolation. Abgesehen von kurzen Begegnungen für die Paarung, leben sie und jagen allein. Die längste Zeit, die Eisbären zusammen leben sind die drei Jahre, während die Mutter die Sorge für ihre Jungen trägt. Ihre einsame Lebensweise macht soziale Begegnungen zwischen einzelnen Eisbären äußerst selten. Und doch werden Eisbären in Gefangenschaft in sozialen Gruppen gehalten, mehrere Tiere teilen den gleichen Raum. Aufgrund ihrer Größe und Stärke könnten aggressive Interaktionen zwischen Individuen gefährlich und potenziell tödlich sein. Aus diesen Gründen ist es wichtig, das soziale Verhalten der Eisbären zu verstehen, um das beste Design für ihre Anlagen im Zoo zu finden, Konflikte zu minimieren und Gesundheit und Lebensqualität zu maximieren.


Foto: bunnix, http://www.flickr.com/photos/71155799@N00/161267250/

Die Eisbären des Philadelphia Zoos verbringen ihre Tage draußen, sie teilen das gleiche Gehege von 9.00 bis 16.30 Uhr. Da die wilden Eisbären in Isolation leben, stellten Kelly und Renner die Hypothese auf, dass nicht nur die sozialen Interaktionen zwischen den Bären selten seien, sondern auch, dass sie aktiv soziales Vermeidungsverhalten zeigen würden.

Zwei erwachsene in Gefangenschaft geboren weiblichen Eisbären, sie heißen Klondike und Coldilocks, wurden für insgesamt 106 Stunden beobachtet, in 30-Minuten-Blöcken, wobei eine Beobachtung jede Minute erfasst wurde, über einen Zeitraum von 10 Monaten. Nichts wurde während dieser Datensammlungs Perioden in Bezug auf die Behandlung oder das Management der Bären verändert, sie erhielten die Fütterungen nach dem gleichen Zeitplan und die selben Enrichment Programme in Laufe der gesamten Studie.


Foto: riekhavoc, http://www.flickr.com/photos/riekhavoc/4286821870/


Um zu erfassen, wo sich jeder Bär innerhalb des Geheges zu jedem Zeitpunkt aufhielt, wurde es in acht verschiedene Zonen eingeteilt. Darüber hinaus wurde alle relevante Tierpfleger Aktivität und die Anzahl der anwesenden Besucher zu jedem Zeitpunkt erfasst.


Die Eisbären Anlage mit den acht Zonen

Insgesamt 592 Übergänge von einer Zone in die andere wurden aufgezeichnet, was bedeutet, dass die Bären etwa einmal alle zehn Minuten Positionen verändert haben. 44,3% dieser Bewegungen führten zu Verringerung des Abstands zwischen den Individuen und 55,6% zu einer Erhöhung der Distanz. Die mittlere Veränderung des Abstandes zwischen den Bären war 1,3 Meter, was statistisch eine relevante Abweichung ist. Das deutet daraufhin, dass sich die Bären insgesamt mehr von einander weg, als aufeinander zu bewegen. Hinzu kommt, dass nur in 10 % der Beobachtungspunkte ein Bär die Position wechselte, dass aber, wenn dies geschah, mit einer 60 % Wahrscheinlichkeit der zweite Bär in der folgenden Minute dann auch seine Position veränderte, wahrscheinlich um seinen Abstand zu dem anderen Bären zu erhöhen.

Insgesamt stützen diese Daten die Hypothese, dass Klondike und Coldilocks in sozialen Vermeidung agieren. In der Regel bewegen sich die Bären weiter entfernt von einander, statt sich einander zu nähern. Wenn ein Bär näher rückte, reagierte der andere durch einen Rückzug, um die inter-individuelle Distanz zu bewahren.

Genauer gesagt, verbrachten die Bären nur 7,2% ihrer Zeit in der gleichen Zone. In etwas weniger als 10% der Beobachtungen, in denen die Bären in der gleichen Zone waren, wurden aggressive Verhaltensweisen beobachtet, die Vokalisierung, Prankenhiebe, Zähnefletschen und Biss Versuche enthielten. Nicht aggressive soziale Interaktionen zwischen den beiden Bären wurden sogar weniger häufig beobachtet. Physischer Kontakt war fast nicht existent. Diese Beobachtungen stützen die Hypothese, dass die soziale Vermeidung durch die beiden Bären erfolgreich dazu beiträgt, dass sie aggressive soziale Interaktionen vermeiden.


[size=85]Foto: Arthur Seabra, http://www.flickr.com/photos/arthurseabra/2284720242/


Wie konnte es sein, dass innerhalb eines relativ kleinen Geheges, die mittlere Veränderung des Abstandes zwischen den beiden Bären positiv ist? Es stellt sich heraus, dass dieses Gehege besonders gut konzipiert ist: in fast jeder Zone innerhalb des Geheges gibt es einen Pfad der den Tieren erlaubt sie zu verlassen und eine andere Zone zu betreten.

Das sind gute Nachrichten für die Zoos: Wenn ein Gehege mit einer hinreichend komplex gestalteten Raumstruktur ausgestattet ist, können Eisbären in Gefangenschaft gehaltenen werden mit relativ niedrigen Gefahr, dass es zu Agressionen kommt. Es sollte aber darauf hingewiesen werden, dass dies kein kontrolliertes Experiment ist, sondern eine Fallstudie von zwei Bären in einem Zoo. Es könnte zum Beispiel leicht sein, dass diese besonderen Eisbären relativ gelassen oder nicht-aggressiv waren. Was diese Studie aber nachweist, ist, dass Eisbären in der Lage sind im selben Raum mit einem geringen Risiko von Aggression zu leben.

Wie die Forscher zu Recht feststellen:

Da Eisbären in der Lage sind, aktiv soziale Distanz zueinander zu regeln, sollten Gehege Designs eine topographische Komplexität und verschiedene Wege durch das Gehege aufweisen, um soziales Vermeidungsverhalten zu erleichtern. Ein richtiges Design der Anlage und das angemessene Management des Verhaltens der Tiere kann einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung des Wohlergehens von Eisbären in Gefangenschaft ausmachen. Dies kann ihre wichtige Rolle als Botschafter der Arten für eine zunehmende Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Bedeutung des Artenerhalts erleichtern.

Wer sich für die Studie interessiert, hier kann man sie herunterladen, aber sie ist nicht kostenlos.
http://www.informaworld.com/smpp/content...27604jaws0903_5

 
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RE: Eine Studie zu dem Verhalten von Eisbären in Gefangenschaft

#2 von AdsBot [Google] ( gelöscht ) , 13.08.2010 09:29

Ein sehr informativer Bericht. Leider haben es nicht alle Eisbären in Gefangenschaft so schön.

Danke fürs Übersetzen, liebe Ulli.

Auch die Bilder von Klondike und Coldilocks sind wunderschön.

Conny

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RE: Eine Studie zu dem Verhalten von Eisbären in Gefangenschaft

#3 von Marga ( gelöscht ) , 13.08.2010 10:18

@UlliJ
genau so,was ich im Sinn hatte-so wäre es bei mir nicht ausgearbeitet worden-ich danke Dir sehr ! :heart:
Und die Bilder der Bären-beides Klasse Bären.
:clap: :clap: Marga

Marga

RE: Eine Studie zu dem Verhalten von Eisbären in Gefangenschaft

#4 von water , 13.08.2010 13:20

Danke

 
water
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RE: Eine Studie zu dem Verhalten von Eisbären in Gefangenschaft

#5 von agi , 13.08.2010 15:34

Super,
nach dieser Arbeit war ich schon die ganze Zeit auf Suche!

danke

agi

 
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RE: Eine Studie zu dem Verhalten von Eisbären in Gefangenschaft

#6 von AdsBot [Google] ( gelöscht ) , 13.08.2010 15:43

Zu einem ähnlichen Ergebnis, mit einem größeren Spektrum, ist Fr. Dr. Stephan 2004 in Deutschland auch gekommen.

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RE: Eine Studie zu dem Verhalten von Eisbären in Gefangenschaft

#7 von agi , 13.08.2010 18:44

@Duerener

Weißt du da den Titel und ob die Studie irgendwo abfragbar ist?

agi

 
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RE: Eine Studie zu dem Verhalten von Eisbären in Gefangenschaft

#8 von Birgit aus Rodrigues ( gelöscht ) , 13.08.2010 20:02

Danke sehr, Ulli, das war ein ganz schönes Stück Arbeit. Ganz wunderbar gemacht und die Studie ist interessant.

Deine Fotofunde sind klasse, nun weiss ich endlich wer Coldilocks ist!

LG
Birgit

Birgit aus Rodrigues

RE: Eine Studie zu dem Verhalten von Eisbären in Gefangenschaft

#9 von Ulli J , 16.08.2010 18:30

Hier ist noch ein Video von einer FOX Sendung zu der Studie mit bewegten Bildern von der Eisbärenanlage in Philadelphia und den beiden Bärinnen:

http://www.myfoxphilly.com/dpp/news/loca...hiladelphia_Zoo

 
Ulli J
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