RE: Verhalten auf Svalbard

#1 von agi , 08.08.2011 12:17

Jetzt muss ich auch noch etwas zu dem "Menschen-Eisbären Unglück" auf Svalbard schreiben.
Voraus schicken muss ich: Natürlich muss auch hier das Menschenleben gerettet werden und im Notfall das Tier geopfert. Keiner von uns würde zögern, auch wenn es um seine adulten Kinder geht, sie zu retten. Aber da wurde leider viel geschlampt. Ein Trip ins Eisbärengebiet, Verhältnis Eisbären zu Menschen in etwa : 2000 zu 2000, sagt ja schon alles. Das ist kein lustiges Abenteurcamp. Da ist man wirklich mitten in der wilden Natur.

Diese doofe Schlagzeile heute: Gruppenleiter tötete heldenhaft Eisbären mit einem Kopfschuss

Der heldenhafte Gruppenleiter hat anscheinend alle Sicherheitsvorkehrungen für sein Camp schlampig erledigt, sonst hätte der ausgehungerte Bär die Jugendlichen nicht unbemerkt überraschen können.
Zufällig habe ich erst vor einigen Tagen gründlich über Spitzbergen, Svalbarden und den Verhaltenscodex vor Ort in Bezug auf Eisbären gelesen. Da steht ausdrücklich: Nie auf den Kopf schießen, weil die Schädelknochen so massiv sind, dass die Kugeln oft abprallen.
So weit so gut zur Berichterstattung. hier habe ich euch die wichtigen Textteile eingestellt:

Verhaltensregeln im Verbreitungsgebiet:
- tagsüber, in Gruppen mit mindestens 4 Personen reisen.
- das Camp nie direkt an der Küstenlinie platzieren (die Strände werden auf Futtersuche abgelaufen), auf Geländeüberblick achten.
- Kochstelle: Windrichtung ausfindig machen und MIT dem Wind mindestens 100 m vom Zelt weggehen, hier kochen. Diese Richtung besonders im Auge behalten (ein möglicherweise vom Geruch angelocktes Tier wird wahrscheinlich aus dieser Richtung kommen). Mein Tipp: auf Wandertouren einfach abends kalt essen und unterwegs kochen, so kommt man nicht in den Stress mit der Kochstelle.
- auf geruchintensives Kochen verzichten (eher nicht lecker Speck mit Zwiebeln anbraten), Kochutensilien immer reinigen und nie zurück zum Zelt nehmen.
- Lebensmittel und Abfälle (dazu gehören auch benutzte Tampons/Binden) mindestens 100 m weit Weg vom Zelt lagern (also am Besten ein Dreieck aus Kochstelle, Zelt und Lebensmittellager), wenn möglich Lebensmittel erhöht (3 m!) lagern.
- Orte mit offenkundigen Zeichen von Bärenaktivität (Kadaver, Fährten, Kot) meiden
- mit Essensresten verschmutzte Hände, Messer etc. nicht an der Kleidung abwischen, nicht mit dem Fleece-Pullover im Dampf des Kochers stehen
- Lärm beim Gehen durch unübersichtliches Gelände machen.
- Umgebung beobachten.
- Hunde anleinen.
- sich nicht mit stark riechenden Cremes, Seifen, Deos zuballern (in Alaska wird auch vom Benutzen von Labellos gewarnt, pures Fett!)
- Lebensmittel in Luftdichten Behältern verpacken; alles was „riecht“ (z.B. auch Zahnpasta) und das Kochgeschirr (inkl. Besteck, Tasse Teller etc.) mit einem dicken Plastiksack vom Rest des Gepäcks trennen.
- auf Svalbard wird empfohlen einen „trip-wire“ um die Zelte aufzustellen (ein leichtgewichtiger Zaun, dessen Draht mit den Auslösern mehrerer Leucht-Knallkörper verbunden ist).

Verhaltensregeln beim Kontakt:
- nicht zwischen Muttertier und Junge geraten, wenn doch in „angemessener Geschwindigkeit“ zurückziehen. Greift die Mutter an siehe „Hinweis“.

- stößt man auf einen Bären der gemäßigtes Interesse zeigt (wittert, sich auf die Hinterbeine stellt, nicht sofort wegläuft) sollte man ruhig bleiben und einen geordneten Rückzug antreten, das Tier jedoch nicht aus den Augen lassen.

Falls ein Eisbär keine Anzeichen von Furcht oder Respekt zeigt, das Camp/die Gruppe umkreist (das tun sie zumeist um in die Lee-Seite zu kommen und den Geruch zu checken), oder sich gar zielstrebig annähert:
- Gruppenmitglieder sollten sich nebeneinander aufstellen
- selbstbewusst (nicht waghalsig) auftreten, und Lärm machen (Signalhörner, mit Töpfen klappern, Schneemobil oder Aussenborder anwerfen, etc.)
- „stand your ground“, aufrecht stehen, mit Armen wedeln, niemals weglaufen
- „Knallkörper“ zwischen sich und das Tier werfen (nicht hinter das Tier :), Warnschüsse
- es gibt keine Hinweise darauf, dass Eisbären sogenannte „bluff-charges“ (Scheinangriffe) machen. Also bringt tot stellen nichts. Die Opfer werden getötet und gefressen. Darum im schlimmsten Fall alle möglichen Waffen einsetzen: kochendes Wasser, Beil etc.
-es gibt im Gegensatz zu Braun oder Schwarzbären keine belastbaren Hinweise darauf, das Pfefferspray Eisbären abhält (2 mal soll es funktioniert haben) schaden kann es aber nicht!).

Hinweis:
Es wird dazu geraten (auf Svalbard sogar angeordnet) sich in Eisbärengebieten bewaffnet zu bewegen. Bewaffnet heißt ein Gewehr des Kalibers .308 win, 30-06 oder stärker. Einzige Alternative ist eine „pump-action shotgun“ des Kalibers 12. Das Feuern auf einen Eisbären gilt als allerletzte Option. Zudem MUSS der Schütze seine Waffe perfekt und unter Stress beherrschen können. Im Falle des Einsatzes empfiehlt die norwegische Regierung: “If an aggressive bear attacks with no sign of being scared away by warning shots, shoot with the aim to kill. This is a last resort. Aim for the chest, below the head, either from the front or the side. Do not attempt a shot in the head because the skull of polar bears is tough and well protected by heavy muscles, and the vulnerable area is surprisingly small even on a big bear. Keep shooting until the bear lies still, and do not approach it until you are sure it is dead. Even then approach the bear from behind.“ Amen.

 
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RE: Verhalten auf Svalbard

#2 von Marga ( gelöscht ) , 08.08.2011 13:45

Mich bewegt nur eine Frage:MUSS der Mensch denn überall hin dürfen ?? Nur weil es Geld bringt??? :wut:
Wenn bekannt ist,daß in dieser Region so viele Eisbären leben,warum wird das nicht unterbunden-
oder anders gehandhabt,wie z.B.in Churchill- für Touristen nur vom Tundrabuggy aus ???
Wissenschaftler u.ä. Personen gehen damit doch auch verantwortungsvoller um !!

:wut: Marga

Marga

RE: Verhalten auf Svalbard

#3 von ConnyHH , 08.08.2011 14:09

Für mich ist hier eindeutig sehr nachlässig bzw. grob fahrlässig mit der Sicherheit für die Menschen umgegangen worden. :evil: Es ist mir in so einem Gebiet absolut ein Rätsel, wie man so mit Menschenleben jongliert, nur weil man den Sicherheitszaun um das Camp nicht ordnungsgemäß aufgebaut hat. :wut:

Davon mal ab - Menschen haben dort für mich nichts zu suchen. Jeder der dort unbedingt mal hin möchte, sollte sich mal UliS. ihren Reisebericht hier an anderer Stelle durchlesen. So eine Expedition nenne ich profihaft und vorbildlich !!!

Wir Menschen dringen in den Lebensraum der grössten Landraubtiere der Welt ein. Diese sind hungrig und auf der Suche nach Fressbarem.... Mehr muss man doch wohl dazu nicht sagen, oder ?

Und wenn ich solch' reisserische Überschriften wie "Killer-Eisbär" in den grossen Zeitungen der letzten Tage sehe, wird mir speiübel und ich bekomme die nackte Wut. :finger:

Es ist furchtbar, was da passiert ist und das dabei ein Mensch sein Leben verloren hat, sowie 4 weitere Menschen verletzt wurden (2 davon schwer), aber es ist auch schlimm, dass man den Eisbären mit einem Kopfschuss getötet hat und dann auch noch dieses Bild im Großformat in der Zeitung ablichtet. Manche von der schreibenden Zunft sollten sich in Grund und Boden schämen !!! :wut:

Ach ja; ich vergaß..... das bringt ja Auflage... :wall: :wall: :wall:

Danke Agi für Deinen gut geschriebenen Artikel !!! :top: :clap:

:winkewinke:



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RE: Verhalten auf Svalbard

#4 von Gelöschtes Mitglied , 08.08.2011 15:44

Danke agi, für diesen Artikel

Ich verstehe auch nicht, wie man
mit Jugendlichen in ein Abenteuercamp fahren kann und
die Sicherheitsvorkehrungen nicht überprüft,
aber so wird man zum "Helden"
Dann nennt man das Tier eine "Killerbestie", obwohl es sich doch
nur in seiner gewohnten Umgebung bewegt hat und
seinem Instinkt folgte.
Eindringling war der Mensch - müssen wir wirklich
in jeder Ecke der Welt präsent sein. :think:
Mir tun die Jugendlichen sehr leid, aber auch der Eisbär.
:winkewinke: :winkewinke:


RE: Verhalten auf Svalbard

#5 von Goldammer ( gelöscht ) , 08.08.2011 16:04

Manche von der schreibenden Zunft sollten sich in Grund und Boden schämen !!! :wut:
Und unsere Welt ist nicht dazu erschaffen worden, dass der Mensch überall seine Nase reinstecken muss. Wenn der Eisbär seine Nase in die "menschliche Zivilisation" steckt und sich nicht entsprechend anpasst :mrgreen: ist das eine andere Sache, gell? Mich hat die Nachricht wieder dahingehend geschockt, dass es immer Leute gibt, die das "Abenteuer" suchen und damit nichts als Unheil anrichten. Wenn ich das schon lese: Killerbestie :wall:
So führt man Jugendliche jedenfalls nicht an die Geheimnisse und die Schönheit der Natur heran, so nicht!!!
Ich bin einfach wütend über diesen Vorfall!

Goldammer

RE: Verhalten auf Svalbard

#6 von GiselaH , 08.08.2011 19:43

Ich sehe das genauso wie ihr und für mich fehlt eigentlich ein entscheidender Hinweis:

"Umgehen sie das Verbreitungsgebiet der Eisbären weiträumig und das vor allem jetzt, wo ihnen der Lebensraum und damit die Nahrungsgrundlage genommen wird!"

Diese Art von Abenteuerurlaub finde ich schlimm und so dilettantisch vorbereitet ist er fast ein Verbrechen und zwar an den Teilnehmern und den Eisbären.

Hallo agi,

herzlichen Dank für diesen guten Artikel.

Gisela

 
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RE: Verhalten auf Svalbard

#7 von Marga ( gelöscht ) , 08.08.2011 19:56

@Agi
Das habe ich ganz vergessen:Dankeschön für Deinen Artikel :oops: :oops:

Als ich gestern den englisch sprachigen Artikel mit dem *grinsenden Gesicht* sah kam mir alles hoch :wut:

Ich hoffe sehr,daß,wenn alles etwas ruhiger geworden ist hat auch dieser Mann Zeit und Muße noch einmal in sich zu gehen-
ich hoffe,das Lachen vergeht ihm sofort :wut:

:think: Marga

Marga

RE: Verhalten auf Svalbard

#8 von agi , 09.08.2011 11:17

Ihr Lieben,


ich bin sicher, nach allem, was ich da schon im Vorfeld recherchiert habe, dass es ein Nachspiel haben wird. Auch und besonders für den Gruppenleiter. Die Leute in den Eisbärenrückzugsgebieten nehmen nämlich schon seit Jahren ihre Aufgabe, die Eisbären vor allem, auch dem Menschen direkt, zu schützen recht ernst.
Möglicherweise - das hoffe ich jedenfalls, wird in Folge des Unglücks der Bereich in den sich sowohl Naturfreunde als auch Abenteuerlustige bewegen dürfen, nochmals eingegrenzt. Oder sie dürfen einfach nur mit einheimischen Guides hinein, die wissen, wie man sich zu verhalten hat. Das jedenfalls würde ich mir wünschen.

Bisher hat es ja kaum Unglücke oder Todessfälle durch Eisbären gegeben, weltweit nicht, also nun den Eisbären wieder mal als die Killermaschine darstellen ist Unfug pur. Aber euch brauche ich das ja nicht zu sagen.

:winkewinke: agi

 
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